Vom Tellerwäscher zum Millionär
Würden Jacob und Wilhelm Grimm in der heutigen Zeit eine Volksmärchensammlung veröffentlichen, würde sicherlich angesichts einer Messehostess, die Königin von Schweden und einer Kindergärtnerin, die Prinzessin von Wales wurde, wohl kein Märchen davon handeln, dass ein Mädchen aus dem Volk in den Hochadel aufsteigt. Märchen drücken Wünsche und Sehnsüchte aus, die Realität gibt keinen Stoff für Märchen her.
Heute würde ein solches Märchen vermutlich mit „Es war einmal ein kleiner Tellerwäscher“ beginnen. Der Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär ist die moderne Form des Märchens vom Aschenputtel. Da es keinen einzigen bekannten Millionär gibt, der tatsächlich als Tellerwäscher mit dem Aufbau seines Vermögens begann, bleibt es ein Mythos.
Genaugenommen ist der Ausdruck eine Metapher, ein bildhafter Ausdruck für eine sagenhafte Karriere, eine märchenhafte Karriere, die durch Fleiß und eigene Arbeit ohne Standesgrenzen möglich war. Dieses Bild entstand in den Köpfen der armen Menschen im Europa vor 200 Jahren, die aufgrund des herrschenden Feudalsystems keinerlei Aufstiegschancen in der alten Welt realisieren konnten. In Amerika, da wird jeder Tellerwäscher reich und kommt zu Ruhm, das war die Vorstellung dieser Menschen.
Das ferne Amerika wurde zum Mittelpunkt aller Hoffnungen und Sehnsüchte. Noch heute verbinden viele Menschen den Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär mit einem Leben auf der anderen Seite des Ozeans. Sie übersehen einheimische Karrieren vom Obsthändler zum Milliardär wie die von Dieter Schwarz, der immerhin heute 11 Milliarden Euro sein Eigen nennt. Auch Werner Otto hat vermutlich in seinem Leben noch keinen Teller gewaschen, aber als mittelloser Flüchtling das Firmenimperium des Ottoversands gegründet.
Genau betrachtet ist der Mythos vom Tellerwäscher, der es zum Millionär geschafft hat also kein Märchen, sondern Realität. Es ist eine Wirklichkeit, die sich fast überall auf der Welt zeigt und von der wir oft nur am Rand hören. Es geht dabei nicht um den armen Bauern in Kolumbien, der einen riesigen Schatz auf seinem Acker findet oder den Lottogewinner aus Wanne-Eickel. Es sind die vielen kleinen, oft glanzlos anmutenden Geschichten, von Menschen, die sich nicht einfach mit der scheinbar vorgegebenen Stellung im Leben abfinden, die unbeirrt von Widerständen Karriere machen.
Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die Geschichte der Krankenschwester, die auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur macht und Ärztin wird. Das ist die Geschichte vom Kind türkischer Einwanderer, das sich eisern durch ein recht kompliziertes deutsches Schulsystem beißt, um als Ingenieur in der Türkei zum reichen Bauunternehmer aufzusteigen. Nur die Grenze im Kopf hindert daran, Chancen zu ergreifen. Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass man selber daran glaubt und offensiv die eigenen Möglichkeiten ausbaut, statt sich selbst in ein Kästchen einzuschließen.
Der Mythos vom Tellerwäscher, der es zum Millionär geschafft hat, ist nur deshalb ein Mythos, weil die meisten Menschen nicht daran glauben wollen, dass Karriere möglich ist. Dabei beweisen viele Tausend Schicksale, dass es kein Märchen ist, wenn ein armer Mensch zum Millionär aufsteigt, es ist genauso Realität, wie eine Kindergärtnerin die Prinzessin wurde oder ein mittelloser Flüchtling Versandhauskönig. Das ferne Land, in dem man vom Tellerwäscher zum Multimillionär aufsteigen kann, ist hier. Man muss nur die Augen aufmachen, um das zu erkennen.
